Zur Idee einer Digitalmoderne

Beitrag zum Laboratorium “Digital&PostDigital” mit Stefan Brotbeck am Philosophicum im Ackermannshof, Basel. 1. 12. 2018

Zur Idee einer Digitalmoderne

1. Ausgangslage einer Digitalmoderne

Der Künstler und Verleger Paul Chan inszeniert in seinem siebenteiligen Werkzyklus «7 Lights» in Anknüpfung an die sieben Tage der Schöpfung eine Art Umkehrung der Schöpfung. In «3rd Light» sind der Boden und ein grosser Tisch eine Projektionsfläche, auf der Schattenbilder von Gegenständen, Geräten, Tieren und Menschen in kontemplativer Ruhe durch den Raum fallen.

In den 14 Minuten jedes Loops wird ein Tag und eine Nacht durch eine Sequenz von Farb- und Helligkeitsverläufen durchlaufen. Es ist die Dingwelt selbst – Stühle, Brillen, iPods, ein abgegessener Apfel – die dem Betrachter aus dem Projektor als Schatten entgegen fällt. Auch Menschen fallen. Doch diese stürzen in umgekehrte Richtung, in den Projektor hinein. Und manchmal ziehen die Schattenrisse eines Vogelschwarms quer durch den Raum, offenbar unbeteiligt an diesem Stürzen der Welt. Es ist die Welt, wie sie – meines Erachtens – erscheint, wenn Subjekt und Objekt unter der Bedingung des Digitalen leben.

Wie aus dem Projektkonzepten hervorgeht, ist der Tisch in Chans Installation genau nach dem Modell des Tisches von Leonardo da Vincis «Abendmahl» gefertigt. Der Projektor ist an dem Ort angebracht, bei dem in Leonardos Abendmahl der Fluchtpunkt der Perspektive des projizierten Raums gelegen ist. Von dort aus erscheint das Licht und seine Aussparungen, das die Dinge als Umriss sichtbar werden lässt.

Leonardos Raumkonstruktion des «Abendmahl» stellt den Betrachter durch die Konstruktion der Zentralperspektive in denselben Raum, in dem auch die Ereignisse des Bildes stattfinden. Das war das Radikale seiner Komposition: dass er die Mönche des Klosters beim Essen in denselben Raum versetzt, in dem das Abendmahlsereignis stattfindet, statt das Abendmahl zu einem transzendenten Ereignis zu verklären. Es wird als etwas gezeigt, das sich zwischen Menschen in jenem Raum ereignen kann, der durch das moderne Subjekt konstituiert ist. Der moderne Raum der Subjekt-Objekt-Trennung wird von Leonardo als Ort inszeniert, an dem die geistige Gemeinschaft, das Abendmahl, sich realisiert. Die Welt der Subjekt-Objekt-Gegenüberstellung wird zum Ort der Verheissung der Erfüllung – und gerade das treibt die Moderne.

Paul Chan versetzt den Betrachter in eine umgekehrte Welt. Seine Welt erscheint aus dem Fluchtpunkt in den Raum herein und wird von seinen Umrissen her sichtbar gemacht. Auch die Perspektive wird in der Installation ganz umgekehrt. Es ist eine umgekehrte Zentralperspektive: in dieser wird nicht das Subjekt-Objekt konstituiert, sondern in ihr stürzen die Schatten von Menschen und Dingen: die Objekte fallen langsam auf den Betrachter zu, die Subjekte fallen in den Projektor hinein. Die Dinge erscheinen von ihren Rändern her bestimmt: es sind inverse Bilder, eine Welt, in der die Dinge nur als optisches Nachbild da sind.

Die optischen Nachbilder sind das, was physiologisch auf der Netzhaut für einen Moment stehen bleibt, wenn das Ding verschwunden ist. Die Nachbilder zeigen die vergangenen Objekte in ihrer Gegenfarbe; Licht und Schatten vertauschen ihre Funktion. Die wichtigste Eigenschaft der optischen Nachbilder ist, dass sie ihren Ursprung im Auge haben und in den Raum der Dinge hereingesehen werden. Das Auge kehrt hier seine Funktionsweise um. Es funktioniert nicht als camera obscura, die von Leonardo da Vinci und Descartes als Modell des Sehens verwendet wurde und die ein optisches Bild der dreidimensionalen Welt auf eine zweidimensionale Leinwand projiziert, sondern umgekehrt, so, wie wenn die Leinwand selbst leuchtet und das Gesehene in den Raum herausprojiziert. Das Auge wird im optischen Nachbild zum Projektor.

Das ist – so meine ich – eine Inszenierung der Verfassung von Subjekt und Objekt im Digitalen:

Einerseits funktioniert das Subjekt mit seinem Sehen vor dem Schirm jetzt als Projektor, das seine Subjektivität, sein Innenleben, seine Bedürfnisse und Wünsche in die Welt hereinsieht. Der Bildschirm zeigt nun nicht mehr die objektive Objekt-Welt an, sondern er vermag heute in zunehmender Perfektion das vom Subjekt Hereingesehene anzuzeigen. Die Algorithmen zeigen mir die Welt in Form von Nachrichten, Produkten, anderen Menschen so, wie sie mir gefällt, meinem Inneren entspricht. Im Web führt sich das Subjekt seine Bedürfnisse und Wünsche nach Belieben sich selber vor und kann eine Welt geniessen in der alle Andersheit verschwunden ist.

Andererseits wird der Betrachter vor dem Bildschirm nun selbst zum Objekt, er macht sich selbst zum Bildinhalt, der von der anderen Seite aus beobachtet wird, – ob freiwillig oder unfreiwillig. Es ist die Perspektive der dauernden Beobachtung des Subjekt: im Selfie, im Self-Tracking, im Social Media-Post, durch die Werbefirmen und Geheimdienste, genauso wie in der permanenten Selbstoptimierung, die das Digitale Dasein durchziehen. Das leibliche Subjekt macht sich zum Objekt der Beobachtung. Der Raum vor dem Screen, samt dem Subjekt wird beleuchtet und ausgeleuchtet und wird zum Inhalt des Angeschauten.

Aber, wenn Chan dies als möglichen Ort des Abendmahls inszeniert, so heisst das, dass man es nicht nur als einen Verlust, sondern auch als möglichen Anfang und Ausgangspunkt einer künftigen Kultur verstehen kann. Das wäre der Ort, –nicht im religiösen Sinne, aber im kulturellen Sinne – an dem meine Suche nach einer Digitalmoderne ansetzt.

Der Diskurs um die Moderne hat sich zuerst aus einer Verlustperspektive konstituiert: – ein Diskurs um den Verlust von Religion, von Natur, des bäuerlichen Lebens, dem Verlust des Standesgefüge des Sozialen – und hat es hat lange gedauert, die Idee einer Gesellschaft zu etablieren, in der etwas kulturell Neues, verfassungsmässig, kulturell, politisch, wirtschaftlich, wissenschaftlich im Mittelpunkt stand: nämlich die Idee des Individuums. – Und das war nicht zuletzt auch ein Ergebnis philosophischen Denkens.

Eine der Grundbewegungen des Modernen war dann ein Nach-Vorne- Zurückgewinnen des Verlorenen, der Natur, der Familie und der sozialen Einbettung, der Religion gerade durch das neu gewonnene Individuum. Die Romantik gewinnt durch das einsame Individuum den verlorenen Naturbezug zurück, wie es in unserer Zeit die Ökologie durch Wissenschaft versucht. Aber ein ökologisches Bewusstsein ist eben etwas ganz anderes als ein bäuerliches Leben in der Einfalt. Ebenso wie es der Versuch der Demokratie für das Soziale oder die Spiritualität für das Feld der verlorenen Religion ist.

2. Eine Spur

Eine Spur, wie eine solche Nach-Vorne-Rückgewinnung für Digitale aussehen könnte, legt der Web-Künstler Rafaël Rozendaal. Er hat ein kostenloses Browser-Plugin programmiert, das jede beliebige Website in bunte, abstrakte Bilder verwandelt: «Abstract Browsing» Alle Elemente einer Seite werden durch farbige Flächen ersetzt. Durch den Code des Plugins und die Struktur der Website ergibt sich ein einmaliges, regelmässig wechselndes Farbmuster, das an die Bilder der malerischen Moderne erinnert. So wird von allem Inhalt der Seite abstrahiert. (Hier Google)

Durch diese Abstraktion von den Inhalten (der Websites) steht Rozendaal in der Tradition der künstlerischen Moderne. Diese ist überall durch die Tätigkeit der Abstraktion geprägt. Sie sucht die Wirklichkeit dort, wo sich die Dinglichkeit auflöst und auf ihre Grundelemente und Bedingungen des Erscheinens zurückgeführt wird. Die Moderne sucht die universelle, produzierende Tätigkeit, die das Produkt zustande bringt und legt dessen Bestandteile frei, wie in der Malerei z.B. in dem sie auf Form und Farbe zurückgeht.

Die Digitaltechnologie hat seit ihren Anfängen diesen Abstraktionsprozess fortgesetzt und für die Formen und Farben, wie für Sprache und Denkergebnisse eine universelle Metasprache geschaffen, die deren Zustandekommen nachvollziehbar, beliebig reproduzierbar und berechenbar machen. Aber: wo kommt man hin, wenn man jetzt weiter vom Digitalen abstrahiert, das ja selbst schon die extremste Form der Abstraktion vom Realen ist?

Rozendaal geht dazu konsequenterweise an den Ursprung des Digitalen und des Web zurück. Joseph-Marie Jacquard erfand Anfang des 19. Jahrhunderts in Frankreich den mit Lochkarten steuerbaren Webstuhl. Es ist erste mit Digitaltechnik steuerbare Maschine. Durch das Abtasten der Lochkarten mit Stiften wurde die Fadenhebung (O) und Fadensenkung (1) gesteuert. Die Software in Form von Lochkarten steuert die Hardware der Maschine und erzeugt ein beliebiges Gewebe, eine bunte Textur. Von der Textur des Gewebes wurde das später auf die Texte und ihre Strukturen übertragen und heute ist das Web zur Lebenswelt geworden, in der wir grosse Teile des Lebens verbringen. Rozendaals fortgesetzter Abstraktionsprozess führt nun vom Digitalen über die Abstraktion der Inhalte an den Ursprung des Digitalen: Den Web-Stuhl, der Ursprung des Web: Er liess nämlich die Bilder, die durch sein Plugin «Abstract Browsing» entstehen, an einem mechanischen Jacquard- Web-Stuhl als Wandteppiche herstellen. Wandteppiche, die nun in den Galerien der Museen für moderne Kunst aufgehängt werden.

(Abstract Browising Weavings, hier von Twitter)

Was heisst das? Konsequente Abstraktion des Digitalen wird zur Rückkehr zum Realen durch die Abstraktion. Das könnte eine erste Spur einer Richtung einer Digitalmoderne sein: vom Digitalen abstrahieren, um dadurch auf ganz eigenartige Weise zum Realen zurückzukehren. – Sonderbarer Weise ist dabei die erste digitale Maschine, der Jacquard-Webstuhl, der Umschlagpunkt, der Katalysator.

– Wie wäre es, wenn unsere Digitalmaschinen zu solchen Umschlagpunkten werden, durch die das, was durch sie verloren wird, neu und ganz anders zu gewinnen wäre? – Die hieraus hervorgebrachte Kultur könnte dann Digitalmoderne genannt werden. Ihr Mittelpunkt wäre eine veränderte Weise zu den Dingen und zu sich selbst zu stehen und würde möglicherweise eine neue Weise, Freiheit zu erfahren mit sich bringen.

3. Programm einer Digitalmoderne

Setzt man diesen Gedanken fort und wendet ihn auf das veränderte In-der-Welt-Sein des Menschen an, das Paul Chan inszeniert, ergibt sich folgende– aus Platzgründen sehr programmatisch gehaltene – kulturelle Perspektive einer Digitalmoderne:

1) Eine Digitalmoderne würde zu dem befähigen, was eine Sinnes-Wahrnehmung, was ein Bezug zu den Dingen vermögen, die nicht dem Zwang zum Objekthaften unterliegen. Eine aus dem digitalen Lebensraum neu hergestellte Beziehung zu den Dingen durch die Sinne wird immer mehr entdeckt als eine Form der Freiheitserfahrung. Nicht mehr die Befreiung von den Beschränkungen der Sinne, wie in der Moderne, sondern in der Hinwendung und Beziehung zu den Dingen durch die Sinne liegt heute eine subtile Form von Freiheitserfahrung.

2) Eine Digitalmoderne würde zu dem befähigen, was ein Selbst vermag, das sich vom Zwang befreit hat, ein singuläres Subjekt zu sein, das heisst, dazu befähigen, seine Freiheit nicht in der Emanzipation von den Anderen zu sehen, sondern Freiheit in der Verbindung mit dem Anderen als Anderem zu entdecken.

3) Eine Digitalmoderne wird von einem Vermögen versuchen zu sprechen, ein Leben zu leben, das ohne die konstituierende Trennung von Subjekt und Objekt anzutreten ist, aber dennoch eine Lebensform entstehen lassen möchte, das heisst: sich in das Leben, in die Mitmenschen in die Dinge einschreiben möchte, – wie es sich ebenso von ihnen, von ihrer Andersheit überraschen, überwältigen und zu einem Anderen machen lassen möchte.

Meine Metapher für diese andere Weise der Welt-Beziehung, die eine Digitalmoderne auszeichnen könnte, ist eine alte: die philosophische Gastfreundschaft. Gastfreundschaft mit den Dingen, Gastfreundschaft mit dem Anderen, Gastfreundschaft mit dem Leben könnte eine Metapher für die Freiheitserfahrung der Digitalmoderne sein, – so wie das Individuum und seine Freiheit eine leitende Idee der Industriemoderne war.