Bildung des vierten Orts // Bildung Post-Digital

Beitrag zum Kolloquium Zukunft der Bildung – «Ideenwerkstatt Zukunftsfragen e.V.» Freiburg 15.2.2019

1.  Der vierte Ort stellt sich an die Seite

Im Folgenden imaginiere ich einen «vierten Ort» der Bildung; dieser «vierte Ort» ist meine Metapher für eine Bildungsinstitution der Zukunft. In lockerer Anlehnung an Ray Oldenburgs Konzept eines «dritten Ortes»[1] stellt er sich als «vierter Ort» ergänzend neben den (ersten) privaten Ort der Intimität und der persönlichen Interessen, den (zweiten) öffentlichen Ort unserer professionellen Arbeit in etablierten Bildungseinrichtungen – wie Schule und Universität – und den (dritten) Ort der mehr oder weniger informellen Treffpunkte, wie Cafés oder Dorfbrunnen oder Museen, wo Austausch mit Freunden, Bekannten und Fremden stattfindet. Meinen «vierten Ort» will ich neben die drei Orte stellen, da ich deren Funktion und Aufgabe schätze und weil ich denke, dass der vierte Raum auf ihnen beruht. Mehr noch, dass er nur entstehen kann, wenn ich gleichzeitig auch an den anderen drei Orten teilhabe: Er ergibt sich mir aus einer Spannung des Lebens in diesen drei Räumen und dem Mangel, der hervortritt, wenn ich dies tue. Das heisst – und das ist mein erster Vorschlag –, dass es die drei anderen Orte und mein Leben an diesen drei Orten für diesen Bildungsort der Zukunft braucht. Keiner dieser drei Orte soll durch den vierten Ort ersetzt werden. Im Gegenteil: Im Sinne François Julliens könnte es der Abstand zwischen diesen drei Orten mit ihrer jeweiligen Kultur sein, die zur ‘Ressource’ für den vierten Ort werden.[2] Der vierte Ort stellt sich freundlich an die Seite der drei Orte und lässt sich von dem Leben in der Spannung zwischen deren Kulturen inspirieren.

2.  Politik des vierten Orts

Damit ist auch zugleich das gesellschaftliche (früher vielleicht modernisierende/utopische/alternative/revolutionäre genannte) Potential dieses Ortes angedeutet. Er ist auch im Hinblick auf diese Positionierung ein vierter Ort: Er ist (1.) kein Ort, der durch die Modernisierung der bestehenden Bildungseinrichtung (z.B. der Universität) von Innen im Sinne eines «langen Marsches durch die Institutionen» entsteht; (2.) kein Ort, der durch die Setzung einer Alternative entsteht, im Sinne eines Versuchs aus dem «System» «auszusteigen» und daneben ein «richtiges» Leben auf der grünen Wiese zu beginnen und (3.) kein postmoderner Ort der Dekonstruktion, der ironisch an der Grenze von System und Ausstieg steht, aber keine Zukunft hervorbringen darf, weil dazu eine Erzählung nötig wäre. So ist er nicht revolutionierend, modernisierend, alternativ oder dekonstruierend. Er sucht eine vierte Form gesellschaftlicher Veränderung, die aus dem Leben in und mit den drei anderen Orten zum Bedürfnis werden kann, deren Existenz also voraussetzt, aber sie komplementiert. Der vierte Ort bildet sich und verändert die anderen drei Orte insofern man am vierten Ort ein Anderer wird. Das ist seine Politik.

3.  Orte des vierten Orts

Dabei verstehe ich den vierten Ort sowohl als einen physischen Ort, also eine Stätte mit bestimmten Eigenschaften, als sozialen Ort, der in der Interaktion etwas bestimmtes ermöglicht und als einen Ort der Imagination, den man mit dem Bewusstsein betreten kann. Viertens ist er immer nur und überall dort, wo er sich ereignet. Er ist also kein Privileg, sondern vielmehr die Form eines Geschehens. Ein eigener geeigneter physischer Ort kann das m.E. sehr befördern, aber ich denke den vierten Ort nicht abhängig davon. Physisch stelle ich mir eine Verbindung der Schönheit und Weite eines modernen Museums, der Intimität und Unmittelbarkeit der Küche eines guten Freundes, der Aura einer Bibliothek, der Zugänglichkeit und Gastlichkeit eines guten Cafés, der Konzentration eines Seminarraums und der zentralen Lage eines Bahnhofs vor. Ich hoffe, es ist für den Architekten unserer Zukunftsstätte kein Problem, das alles zu verbinden. – Im Folgenden ein paar der imaginativen, sozialen, ereignisförmigen Aspekte dieses Ortes.

4.  Zeit des vierten Orts

Man kann die Zukunft in eine abwesende und eine anwesende Zukunft unterscheiden: in das, was einmal auf uns zukommt und uns geschieht und in das, was schon da ist, aber noch nicht gesehen oder nicht entfaltet ist. Die abwesende Zukunft ist entweder (1) die Zukunft der Utopien und Dystopien, die unseren Hoffnungen und Ängsten Bilder einer möglichen oder unmöglichen anderen Welt verleiht; oder (2) sie ist die Zukunft der Prognosen der Experten, die errechnen, was uns bevorsteht. Die heute schon anwesende Zukunft dagegen ist entweder (3) die Zukunft meiner Projekte (diese entwirft von meiner heutigen Gegenwart durch Planung ins Morgen) oder sie ist (4) eine Zukunft des Futur II: sie blickt vom Ende auf das Heute und orientiert auf diese Weise für das Heute. Bildung des vierten Ortes fände in der vierten Zukunft statt. In ihrer Reinform ist sie der Blick vom Tag des eigenen Todes[3] auf den heutigen Tag mit der Frage: «Wie werde ich heute gelebt haben wollen?» Sie ist, anders als die abwesende Zukunft, nichts was «kommt», sie ist auch keine Utopie oder Dystopie, die durch Revolution oder Arbeit umgesetzt oder verhindert werden müsste, sie ist kein Projekt, das gemacht werden kann. Sie ist kein Entwurf, nicht das «Neue», gegenüber dem «Alten», keine Möglichkeit, die Wirklichkeit werden muss – sie ist schon da. Die Zukunft des vierten Orts geschieht, wenn ihr Raum gegeben, wenn ihr Aufmerksamkeit und Zuwendung geschenkt wird.

5.  Post-Digital

Angesichts der Digitalisierung, die derzeit quasi-religiös-misssionarische Züge (mit ihren entsprechenden Gegenreformatoren) als Super-Narrativ der Zukunftskonferenzen annimmt, verortet sich die Bildung des vierten Orts post-digital.[4] Post-Digital bedeutet jedoch nicht das Ende des Digitalen, sondern das Ende der Auffassung des Digitalen als spezifischen (kulturellen, technologischen, pädagogischen, und für unsere Zwecke hier bildungsmässigen) Differenzkriteriums gegenüber einer nicht-digitalen Weise des Seins. Man braucht dazu nur einmal den Standpunkt einzunehmen, dass all das, was jetzt als Digitalisierung veranlagt ist, umgesetzt wäre. Dann zeigt sich, dass die Digitalisierung selbst keine Werte hervorbringt. Und dann? – Man kann sich zum Beispiel Bildung in Anlehnung an Lyotard dann als ein Spiel mit vollständiger, omnipräsenter Information imaginieren.[5] Dann erscheinen viele frühere Privilegien, die sich aus dem Besitz von Wissen ergeben, als hinfällig. Was wird dann wichtig? Was wird dann relevant sein zu können und zu wissen?

6.  Teilnahme an der Teilnahme

Bildung wird dann jedenfalls weniger als Besitz und Verfügbarkeit (letztlich also als Kapital) eines Menschen, sondern als Bezug eines Menschen auf einen Stoff (letztlich also als Interaktion, emphatischer: als Dialog) zu verstehen sein. Der vierte Ort könnte sich darauf spezialisieren, das spezifische, konkrete singuläre Verhältnis sichtbar zu machen, das ein Mensch zu Fragen, Ideen, Dingen und anderen Wesen bildet. Der vierte Ort würde sich dort ereignen, wo ein Mensch in seinem Verhältnis zu einem Thema, Ding, Vorgang oder Wesen sichtbar wird. Bildung des vierten Orts wäre die Teilnahme an der Teilnahme eines Anderen an Anderem. Expertise und der Maßstab der Qualität am vierten Ort würden sich dadurch auszeichnen, dass durch dieses sichtbar-werdende Verhältnis auch Anderen sich entweder Zugänge zu diesen Themen, Dingen, Vorgängen oder Wesen eröffnen oder den Anderen die eigenen Bezüge zu ihren (eigenen) Themen, Dingen, Vorgängen oder Wesen besser verständlich werden. Dialog dient hier nicht der Herstellung von Konsens, sondern dem Erscheinen von singulären Verbindungen. Ich denke dabei auch an Hannah Arendts Figur von Sokrates und die Form von doxa (Meinung), die sie im Auge hat.[6]

7.  Ort der Frage

Bildung wird dann vielleicht weniger durch die Fähigkeit zur Antwort als durch die Fähigkeit zur Frage qualifiziert. Angesichts der Omnipräsenz von googlebaren Antworten und der sog. KI würde am vierten Ort gefragt: Wie ist es, den Menschen (auch) als fragendes Wesen zu verstehen? (Auch wenn das Wissen als Antwort allen zur Verfügung steht, muss es immer noch erschlossen, beurteilt, organisiert, verteilt werden und dazu wird es auch in Zukunft Organisationen des zweiten Orts wie Schule und Hochschulen brauchen.) Der vierte Ort könnte sich daneben darauf spezialisieren, ein Ort zu sein, wo der Mensch als Fragender sein kann. In Anlehnung an Cusanus’ «belehrter Unwissenheit» könnte die Bildung des vierten Ortes ein Ort sein, wo man sich an der Grenze des noch-nicht-Gewussten aufhält ohne dafür sanktioniert zu werden. Ich denke auch an das, was sich nach einem sokratischen Dialog einstellen kann: wenn die Frage durch die erlebte Aporie eigentlich erst richtig anwesend ist und sich keine intellektuelle Antwort und kein Konsens einstellt. Dann entscheidet sich m.E., ob die Frage eine solche ist, die bei mir bleibt und an der ich mich künftig im Leben ausrichte. Die Bildung des vierten Orts ist für Menschen, die sich freuen, wenn es ihnen manchmal gelingt, ihren Fragen entlang zu leben und daran teilzunehmen, wenn dies andere tun. Die Bildung des vierten Orts würde also versuchen, das Finden, Herausarbeiten und Artikulieren sowie das Leben mit solchen Fragen zu befördern, wahrscheinlich durch Orte, in denen zögerliches, unsicheres Sprechen und intensives, offenes Zuhören möglich ist.

8.  Ort der Gastfreundschaft

Die Bildung am vierten Ort arbeitet so auch an einem Selbstverständnis des Menschen, in dem es ein Ort wird, an dem Teilnehmende sich als «Gäste» und als «Gastgeber» von Anderen betätigen: an deren anwesender Zukunft, deren singulären Verhältnissen zu Anderem, der Herausbildung von Lebens-Fragen. So gesehen, wäre Bildung des vierten Ortes Bildung der Gastfreundschaft.[7]

 

[1] Ray Oldenburg identifiziert den dritten Raum neben dem privaten Raum der Intimität und dem öffentlichen Ort der Arbeit, als Treffpunkte wie Cafés, Bibliotheken, Museen, die für alle zugänglich sind und eine wichtige Funktion für die Zivilgesellschaft und die Demokratie innehaben und die vom Verschwinden bedroht sind. Vgl. Paul Divjak, Integrative Inszenierungen: Zur Szenografie von partizipativen Räumen, Bielefeld, transcript Verlag, 2014.

[2] François Jullien, Es gibt keine kulturelle Identität: wir verteidigen die Ressourcen einer Kultur, übersetzt von Erwin Landrichter, Berlin, Suhrkamp, 2017.

[3] Levinas entwirft das Andere in zeitlicher Perspektive vom Tod her, jedoch als Kommendes: Emmanuel Levinas, Die Zeit und der Andere, Hamburg, Felix Meiner, 2003, S.47 f.

[4] Florian Cramer, What is ‘Post-digital’?, in: APRJA, 3 (2014); Joël Luc Cachelin, Postdigital, (2018).Matthias Horx, Das postdigitale Zeitalter, https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/zukunftsreport/das-postdigitale-zeitalter/ , (17.12.2018), einige Beiträge meines Blog: www.exteriority.ch

[5] Jean-François Lyotard, Das postmoderne Wissen: ein Bericht, 6., überarb. Aufl., Wien, Passagen-Verlag, 2009, S.126.

[6] Hannah Arendt, Sokrates: Apologie der Pluralität, Dritte Auflage, Berlin, Matthes & Seitz, 2016, S.77 ff.

[7] Emmanuel Levinas, Totalität und Unendlichkeit: Versuch über die Exteriorität, 5. Aufl., Freiburg, Alber Verlag, 2014; Jacques Derrida, Von der Gastfreundschaft, 2. Aufl., Wien, Passagen Verlag, 2007; Robin Schmidt, Orte der Geistesgegenwart: Essays über Gastfreundschaft, 2017.