«Glück»

Vortrag zum Sommerprojekt der Schule für Gestaltung, Basel
am 12.8.2026

Glück ist eines der grossen Themen der Philosophie und Ethik, vielleicht sogar eines ihrer ältesten, denn sobald man danach fragt, was ein gutes Leben sei, liegt die Annahme nah, dass ein gutes Leben eines sein muss, von dem wir am Ende sagen können, es sei ein glückliches gewesen. Und auch dort, wo nicht das eigene Leben, sondern unser Handeln gegenüber anderen im Zentrum steht, taucht das Glück wieder auf: Sollte man nicht so handeln, dass daraus Glück für andere entsteht, vielleicht sogar für möglichst viele? So verschieden die Antworten der Philosophie auf die Frage nach dem Guten ausgefallen sind, so durchgängig hält sich jedenfalls die Annahme, dass das Gute sich im Glück realisiert.

Zunächst bezeichnet das Wort Glück jedoch zwei verschiedene Dinge: Wir können Glück haben, und wir können glücklich sein. Haben – oder Sein. Das erste Glück ist das Resultat des Zufalls und das Gegenteil von Pech, das andere bezeichnet eine Weise, wie wir unser Leben erfahren. Dasselbe Wort verbindet damit etwas, das uns zufällt und worüber wir kaum verfügen können, mit etwas, von dem wir annehmen, dass wir vielleicht sogar einen entscheidenden Einfluss darauf nehmen sollten.

Der Eisberg des Glücks

Meine Frau liegt gerade mit einer kleinen Gehirnerschütterung im Bett, weil jemand genau in dem Moment eine Autotür geöffnet hat, als sie mit dem Velo vorbeifuhr. Pech. Zugleich: Glück im Unglück, denn es hätte sehr viel schlimmer kommen können. Es ist die gewöhnlichste Bedeutung des Wortes Glück, und philosophisch scheint damit nicht viel anzufangen zu sein. Weder für das Pech noch für das Glück können wir etwas.

Genau deshalb haben die Stoiker darauf hingewiesen, dass wir unterscheiden lernen sollten zwischen dem, was in unserer Macht liegt, und dem, was wir nicht beeinflussen können. Wer sein Lebensglück an Dinge hängt, über die er nicht verfügt, liefert sein Leben dem Zufall aus. Für eine Philosophie des guten Lebens liegt es deshalb nahe, dieses Zufallsglück möglichst präzise auszusortieren und sich auf das zu konzentrieren, was wir selbst beeinflussen können.

Ich glaube, dass man es sich hier zu einfach macht. Denn auch wenn wir nichts dafür können, Glück gehabt zu haben, können wir uns doch darauf besinnen, wie viel Glück unserem jetzigen Dasein vorausliegt.

Man kann dabei sehr weit zurückgehen: Wie viel Glück es bedurfte, dass überhaupt die Erde und das Leben darauf entstanden ist; dass die Evolution diesen und keinen anderen Weg genommen hat; dass aus all den Möglichkeiten eine Welt entstanden ist, in der heute Wesen leben, die sich nun darüber wundern können, dass sie leben und sich fragen, ob sie glücklich sein können. Und man kann näher kommen: dass unzählige Menschen einander begegnet sind, die sich ebenso gut hätten verpassen können, dass andere Menschen etwas für uns getan haben, ohne das wir nicht hier wären, dass Krankheiten ausgeblieben und Unfälle nicht geschehen sind. Und schliesslich kann man ganz im Gegenwärtigen ankommen: das Glück, an einem sicheren Ort zu leben, einen guten Ort zum Lernen oder Arbeiten gefunden zu haben, Menschen zu haben, mit denen man gerne zusammen ist. Oder auch einfach das Glück, eine Stunde Zeit zu haben, hier zusammen nachdenken können, ohne dass wir befürchten müssen, dass wir bedroht oder ausgebeutet werden, ohne dass für einen Moment etwas herstellt oder optimiert werden muss.

Je länger man in dieser Richtung schaut, desto kleiner wird jener Teil des eigenen Lebens, von dem man sagen kann: Das habe ich gemacht. Und unter dem Sichtbaren der eigenen Entscheidungen und Leistungen erscheint eine kaum überschaubare Geschichte von Voraussetzungen, für die wir gar nichts können, von Glück. Es ist, als ruht unsere Existenz jeden Moment auf einem gewaltigen Eisberg von Glück.

Das Interessante daran ist nun, dass dieses Zufallsglück nur rückwärts als Glück sichtbar werden kann. Wir können aus der Erfahrung, bisher Glück gehabt zu haben, keinen Anspruch darauf ableiten, auch künftig Glück zu haben. Wer das versucht, verfällt der Illusion des Glücksspielers, der meint, vergangene Zufälle liessen sich in eine Strategie für künftige Spieleinsätze verwandeln. Nach vorne bleibt das Zufallsglück Zufall. Im Zurückschauen aber kann daraus etwas anderes entstehen: Staunen vielleicht, Zufriedenheit oder Dankbarkeit, ja schliesslich vielleicht auch Glücklichsein über die ungeheure Kette dessen, was geschehen sein musste, damit ich jetzt sagen kann: Ich bin da.

Anleitung zum Unglücklichsein

Mit dem Glücklichsein verhält es sich merkwürdigerweise fast umgekehrt wie zum Zufallsglück Kaum fragen wir danach, richtet sich der Blick nach vorne: Was muss ich tun, um glücklich zu werden?

Darauf gibt es inzwischen unzählige Antworten. Bestimmte Gewohnheiten, Mindsets, Routinen, sieben Schritte zum Glück, zehn Dinge, die glückliche Menschen jeden Morgen tun, usw., usw. Man soll Glück trainieren, planen, optimieren. Dass wir so viele Anleitungen dafür brauchen, könnte allerdings schon ein Hinweis darauf sein, dass mit der Frage etwas nicht stimmt. Ich denke, dass es keine zielführende Anleitung zum Glück gibt und möchte das im Folgenden auf verschiedene Weise begründen. 

Zunächst erscheint es mir ergiebiger, auf unseren Beitrag zum Unglücklichsein zu blicken. Paul Watzlawicks Anleitung zum Unglücklichsein scheint mir immer noch lesenswert. Denn tatsächlich verfügen wir über ziemlich zuverlässige Methoden, unser Glück zu sabotieren. Man kann sich beispielsweise vornehmen – wie Watzlawick es in seiner Anleitung empfiehlt – von nun an möglichst immer spontan zu sein – denn glückliche Menschen leben ganz spontan –, und sich dann bei jeder Gelegenheit sorgfältig kontrollieren, ob man auch wirklich spontan genug ist. Oder, dass man jedesmal, wenn man sich etwas Schönes kauft, etwa neue Schuhe, man sich zuerst zuhause in Ruhe hinsetzt und sich darauf konzentriert, wo sie vielleicht drücken. Irgendwo wird sich schon etwas finden. Man kann sogar die Zuneigung eines anderen Menschen gegen sich selbst wenden: Wer mich liebt, mit dem kann etwas nicht stimmen – wer wäre schliesslich so verrückt, ausgerechnet so jemanden wie mich gernzuhaben? 

Seine Beispiele machen deutlich, dass die Versuche, das gesuchte Glück strategisch herbeizuführen, gerade ihr Gegenteil hervorbringen. Es ist die Erwartung, immerzu glücklich sein zu müssen, die dazu führt, sich im Leben beständig zu prüfen, ob ich glücklich bin und so immer neue Anzeichen dafür finde, dass ich es noch nicht wirklich bin.

Umgehen mit dem Unglück

Vermutlich tut man daher besser daran, mit dem Unglück umzugehen, statt auf das Glück zu starren. So legt uns der Philosoph Wilhelm Schmid in seinem Büchlein Unglücklichsein nahe. Daran scheint mir zunächst der ganz unspektakuläre Gedanke wichtig, dass nicht jede melancholische, schwere oder einfach nur mittelmässige Phase unseres Lebens eine Störung eines eigentlich glücklichen Normalzustands ist. Vielleicht stimmt weniger mit demjenigen etwas nicht, der gerade nicht happy ist, sondern eher mit der Vorstellung, dass wir es ständig sein sollten.

Aber es gibt noch ein tieferes Unglücklichsein, das sich nicht dadurch erledigen lässt, dass wir unsere Erwartungen korrigieren. Menschen, die ich liebe, werden sterben. Ich werde sterben. Zu unserer Existenz gehört eine Einsamkeit, die auch die grösste Nähe zu anderen nicht vollständig aufheben kann. Menschen leiden, während es mir gut geht; Kriege finden statt, Ungerechtigkeit besteht, die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen schreitet voran, und meine Möglichkeiten, daran etwas zu ändern, sind begrenzt.

Das sind Abgründe, in die man nicht ununterbrochen hineinschauen sollte und vor denen man vielleicht vor allem nicht zu lange allein stehen sollte. Aber es wäre seltsam, eine Philosophie des Glücks darauf aufzubauen, sie möglichst erfolgreich nicht wahrzunehmen. 

Der Gedanke an den Tod, die eigene oder fremde Endlichkeit, kann überraschende Folgen haben. Wenn mir klar wird, dass meine Zeit zwar in unbestimmbarer Weise, aber definitiv begrenzt ist, verändert sich die Frage danach, was in dieses Leben alles noch hineinpassen soll. Nicht mehr jede Möglichkeit muss verwirklicht, nicht jede Erfahrung gemacht, nicht jedes Ziel erreicht werden. Angesichts der Endlichkeit wird eine Wahl von angestrebten Erfahrungen unausweichlich, und mit ihr entsteht die Frage: Was ist mir wertvoll? Und aus ihr ergibt sich auch eine Orientierung, was ich alles weglassen kann.

Auf diesem Umweg trägt auch Unglück zum Glück bei. Nicht weil Tod, Einsamkeit oder Weltschmerz glücklich machten, schon gar nicht, dass wir sie relativieren, sondern weil sie mich darauf stossen, zu klären, was mir wertvoll ist – philosophisch gesagt: meine Werte zu klären. Das leichte, naive Glück mag dabei verloren gehen. Aber es kann etwas anderes entstehen: eine ganz eigene Klarheit darüber, womit und mit wem ich meine begrenzte Zeit verbringen möchte. Ich denke, wer das weiss, ist dem Glück zumindest auf der Spur.

Glück braucht Würde

Doch hier lauert bereits die nächste Schwierigkeit. Angenommen, ich weiss nun, dass mich das Zusammensein mit einem Freund glücklich macht. Dann wäre es doch vernünftig, mich möglichst oft mit ihm zu treffen, möglichst viel Lebenszeit miteinander zu verbringen. Ich treffe also meinen Freund, damit ich glücklich bin. Dasselbe lässt sich mit den anderen Dingen tun, von denen ich nun weiss, dass sie meinen Werten entsprechen. Ich höre Musik, damit ich glücklich bin. Ich gehe spazieren, damit ich glücklich bin. Ich male, damit ich glücklich bin. Ich tue etwas für die Natur, oder andere Menschen, damit ich glücklich bin. Der Freund wird zum Mittel, die Musik zum Mittel, der Spaziergang zum Mittel, und auch der Mensch, dem ich etwas Gutes tue, wird zum Instrument meines persönlichen Glücksprojekts. – Was stimmt dabei denn nicht?

Hier kann ein Gedanke Immanuel Kants weiterhelfen, auch wenn ich ihn dabei über seinen ursprünglichen Zusammenhang hinausführe. Kant verbindet die Würde des Menschen damit, dass der Mensch niemals bloss als Mittel für irgendwelche Zwecke gebraucht werden darf, sondern immer zugleich als Zweck an sich selbst anzuerkennen ist. Menschen dürfen nicht instrumentalisiert werden, denn sonst rauben wir ihnen die Würde. Würde heisst für ihn, den Mitmenschen als Zweck an sich selbst anzuerkennen: es ist genug, dass er existiert; er muss nichts nutzen, nicht funktionieren, muss keine Zwecke erfüllen, sein blosses Menschsein genügt. Sobald wir unsere Mitmenschen nur benutzen, um unsere Zwecke zu erreichen, berauben wir sie ihrer Würde. Das ist aber das, was wir tun, wenn wir die Mitmenschen zum Mittel unseres Glücksprojekts machen.

Was geschieht, wenn man etwas von dieser Haltung der Würde auf unsere übrigen Beziehungen zur Welt ausdehnt? Auf Tiere und Pflanzen, Landschaften, Farben und Töne, auf das kreative Schaffen, das Spazierengehen, Kaffeetrinken oder die eigene Arbeit? Nicht weil all dies im kantischen Sinne unbedingt Menschenwürde hätte, sondern weil man versuchen kann, sich so zu ihnen zu stellen, dass sie selbst genug sind. Einen Kaffee trinken, der nichts leisten muss. Mit jemandem sprechen, ohne dass das Gespräch irgendwohin führen muss. Etwas gestalten, ohne dass daraus etwas werden muss. Arbeiten, weil es Freude macht, einen Spaziergang machen, einfach so, Punkt.

Ich denke, dass es zu den merkwürdigen Eigenschaften des Glücks gehört, dass es sich dort einstellen kann, wo die Dinge für einen Moment davon entbunden sind, uns glücklich machen zu müssen. – Deswegen denke ich, dass es keine Anleitung zum Glück geben kann. Doch es braucht in diesem Sinne Würde im Umgang mit Dingen und Mitwelt. 
Aber es geht noch weiter: ich meine, damit das gelingt, braucht es auch Selbsterkenntnis.

Glück braucht Selbsterkenntnis: Wo bin ich, wenn ich bei mir bin?

Denn die Bestimmung, Würde im Umgang mit den Dingen und der Mitwelt zu praktizieren, ist recht allgemein. Mir mag dies im Umgang mit Tieren noch schwerer fallen als mit meiner Balkonpflanze, einem anderen fällt dies ganz leicht. Ich muss also auch wissen, wie Ich und die Welt zusammenpassen. Die alte Aufforderung nach Selbsterkenntnis: das „Erkenne dich selbst“ des griechischen Apollo-Tempels scheint zunächst in andere Richtung zu deuten. Wenn ich wissen will, wie ich leben soll, muss ich zuerst herausfinden, wer ich selbst eigentlich bin. Nur: Wo sollte dieses Ich-Selbst zu finden sein?

Man kann lange in sich hineinsehen und versuchen, dort etwas zu entdecken, mit dem man sich identifizieren kann, ein tiefes oder verborgenes Selbst. Oder nach Aussen: Ich bin Lehrer, Künstler, Mann, Engländer, dieses oder jenes. Solche Bestimmungen der Identität sagen zweifellos etwas über einen Menschen aus. Sie bestehen in der Verbindung oder Einordnung von mir und einer Kategorie oder Eigenschaft. Doch ist das Selbst überhaupt ein Etwas, das sich auf diese Weise bestimmen lässt? Denn das würde bedeuten, dass es ein Exemplar einer Kategorie, eine Ausprägung einer allgemeinen Eigenschaft ist. Mein Nachdenken über diese Frage bringt mich eher dazu, das Selbst – den Akteur und den Gegenstand der Selbsterkenntnis – zu bestimmen als eine Weise in der Welt zu sein. Es zeigt sich weder durch Identifikation mit einem Stück Welt noch durch Rückzug ins Innere, vielmehr als die Frage: Wo und wann bin ich in der Welt bei mir? Bei welchen Erfahrungen oder Tätigkeiten, beim Zusammensein mit welchen Menschen kann ich anschliessend sagen: hier bin ich ein bisschen mehr ich selbst gewesen oder geworden? Selbsterkenntnis würde dann bedeuten zu wissen: dort bin ich ich selbst – oder: hier kann ich ich selbst werden. So würden wir uns gerade nicht dadurch kennenlernen, dass wir immer genauer auf uns schauen oder Identitäten prüfen, sondern dadurch, dass wir darauf achten, wann oder womit oder mit wem ich gut ich selbst werden oder sein kann. 

Die Erfahrung in solchen Momenten benennen manche so, dass sie sagen: hier erfahre ich mich in Resonanz. Oder: hier bin frei. Oder so, dass sie sagen: das macht für mich Sinn.

Selbsterkenntnis in diesem Sinne heisst auch zu bemerken, wo ich mich von mir selbst entferne, wo ich mich verpasse, mich verfehle, abdrifte – weil ich mich einer der Identitäten anzugleichen versuche, mit denen ich mich identifiziere, oder weil ich einem Bild von mir selbst zu entsprechen versuche. Ich meine, das führt ins Unglück. Und umgekehrt kann im Rückblick auf Erfahrungen der Freiheit oder der Sinnhaftigkeit wiederum das Glück durchscheinen. Sich darin zu erkennen, wann oder wo das der Fall ist, wäre die hier gesuchte Selbsterkenntnis. Auf diese Weise meine ich, ermöglicht Selbsterkenntnis Glücklichsein.

Glück ist resultativ

Ich habe dafür argumentiert, dass wir womöglich einiges tun können, um Bedingungen zu schaffen, unter denen Glück sich einstellen kann: sich darauf besinnen, wie viel mir im Zufall zugefallen ist; aufhören, das eigene Glück zu sabotieren; lernen, auch mit den schweren und unglücklichen Aspekten des Lebens umzugehen; herausfinden, welche Beziehungen, Tätigkeiten und Dinge uns wirklich etwas wert sind; Menschen, Tätigkeiten und Dingen einen Raum geben, in dem sie nicht bloss Mittel für unsere Zwecke sind. Vielleicht können wir etwas tun, bei dem wir erfahren, dass wir hierbei wir selbst werden oder ganz selbst sind, etwas tun, worin wir uns frei erfahren oder sinnhaft – und dann und wann oder erst ganz spät bemerken: von dort her bin ich glücklich.

Nur können wir all das nicht deshalb tun, weil wir glücklich sein wollen, ohne es dadurch schon wieder in ein Instrument unseres Glücks zu verwandeln und es damit zu verhindern. Das Glück wäre dann weniger etwas, auf das wir unser Leben ausrichten können, als etwas, das sich zuweilen einstellt, wenn wir unser Leben auf anderes ausrichten. Glück wäre immer resultativ.

Dann wäre das Glücklichsein dem Zufallsglück am Ende ähnlicher, als es zunächst schien. Das eine wie das andere lässt sich nicht für die Zukunft garantieren. Beide werden auf eigentümliche Weise im Zurückschauen erfahrbar. Und es macht unglücklich, das Glück für die Zukunft anzustreben. Es bleibt rätselhaft: Wie kann man so leben, dass es im Resultat glücklich macht, ohne dabei zu leben, um glücklich zu sein?

Foto: vom Autor, Pizzamehl bei Pizzeria Vito, 11.7.2026