digitaler weltuntergang, kontemplativ

Der Künstler und Verleger Paul Chan inszeniert in seinem siebenteiligen Werkzyklus «7 Lights» in Anknüpfung an die sieben Tage der Schöpfung eine Umkehrung der Schöpfung. In der Installation «3rd Light» beispielsweise, sind der Boden und ein grosser Tisch eine Projektionsfläche, auf der Schattenbilder von Gegenständen, Geräten, Tieren und Menschen in kontemplativer Ruhe durch den Raum stürzen. In den 14 Minuten jedes Loops wird ein Tag und eine Nacht durch eine Sequenz von Farb- und Helligkeitsverläufen durchlaufen. Es ist die Dingwelt selbst – Stühle, Brillen, iPods, ein abgegessener Apfel – die dem Betrachter aus dem Projektor als Schatten entgegen fällt. Auch Menschen fallen. Doch diese stürzen in umgekehrte Richtung, in den Projektor hinein. Und manchmal ziehen die Schattenrisse eines Vogelschwarms quer durch den Raum, offenbar unbeteiligt an diesem Stürzen der Welt. Es ist die Welt, wie sie ist, wenn Subjekt und Objekt sich selbst digital konstituieren, es ist die Welt, die den Ausgangspunkt einer Digitalmoderne anzeigen könnte.

Der Tisch in Chans Installation ist genau nach dem Modell des Tisches von Leonardo da Vincis «Abendmahl» gefertigt. (vgl. Chan 2014, Kap. Selected Source Files) Der Projektor ist an dem Ort angebracht, bei dem in Leonardos Abendmahl der Fluchtpunkt der Perspektive des projizierten Raums gelegen ist. Von dort aus erscheinen bei Chan das spektralfarbene Licht und seine Aussparungen, die die Dinge als Umriss sichtbar werden lassen.

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Leonardos Raumkonstruktion des «Abendmahl» stellt den Betrachter durch den Fluchtpunkt in denselben Raum, in dem auch die Ereignisse des Bildes stattfinden. Und darin besteht die Radikalität seiner Komposition: dass er die Mönche des Refektoriums in denselben Raum versetzt, in dem das Abendmahlsereignis stattfindet, statt dieses zu einem transzendenten Ereignis zu verklären. Es wird als etwas gezeigt, das sich zwischen Menschen in jenem Raum ereignen kann, der durch das beobachtende, moderne Subjekt konstituiert ist. Der optische Raum der Renaissance erzeugt ein Subjekt, das sich im dreidimensionalen Raum vorfindet. Diesen Subjekt-Objekt-Raum inszeniert Leonardo verheissungsvoll und, seiner Zeit voraus, als den Ort der spirituellen Gemeinschaft, den Ort des Abendmahls.

Paul Chan versetzt den Betrachter in eine umgekehrte Welt. Seine Welt erscheint aus dem Fluchtpunkt in den Raum herein und wird von seinen Umrissen her sichtbar gemacht. Auch die Perspektive wird in der Installation ganz umgekehrt. Es ist eine umgekehrte Zentralperspektive (siehe Beitrag: umgekehrte Zentralperspektive): in dieser wird nicht das Subjekt-Objekt konstituiert, sondern in ihr stürzen die Schatten von Menschen und Dingen – die Dinge auf den Betrachter zu, die Menschen in den Projektor hinein. Der Vorgang vollzieht sich in der Zeit. Die Dinge erscheinen von ihren Rändern her bestimmt: es sind inverse Bilder, eine Welt, in der Subjekt und Objekt nur als optisches Nachbild da sind. (vgl. Baker in Chan 2007, S. 4ff)

Die optischen Nachbilder sind das, was physiologisch auf der Netzhaut für einen Moment stehen bleibt, wenn das Ding verschwunden ist. Die Nachbilder zeigen die vergangenen Objekte in ihrer Gegenfarbe; Licht und Schatten vertauschen ihre Funktion. Die wichtigste Eigenschaft der optischen Nachbilder ist, dass sie ihren Ursprung im Auge haben und in den Raum der Dinge hereingesehen werden. Das Auge kehrt hier seine Funktionsweise um. Es funktioniert nicht als camera obscura, die von Leonardo da Vinci und Descartes als Modell des Sehens verwendet wurde und ein optisches Bild der dreidimensionalen Welt auf eine zweidimensionale Leinwand projiziert, sondern umgekehrt, so, wie wenn die Leinwand selbst leuchtet und das Gesehene in den Raum herausprojiziert. Das Auge wird im optischen Nachbild zum Projektor.

Das ist eine präzise Inszenierung der umgekehrten Konstitution des Subjekt-Objekt im Digitalen: Der Betrachter vor dem Schirm wird nun selbst zum Bildinhalt, der von der anderen Seite aus beobachtet wird, ob freiwillig oder unfreiwillig. Das Subjekt wird zum Objekt. Der Raum vor dem Schirm, samt dem Subjekt wird beleuchtet und ausgeleuchtet und wird nunmehr selbst angeschaut. Und umgekehrt fungiert das Subjekt mit seinem Sehen als Projektor, der seine Subjektivität, sein Innenleben, seine Bedürfnisse und Wünsche in die Welt hereinsieht. Der Bildschirm zeigt nun nicht mehr die objektive Objekt-Welt an, sondern er vermag heute in zunehmender Perfektion das vom Subjekt Hereingesehene anzuzeigen. Seine Bedürfnisse und Wünsche führt das Subjekt nach belieben sich selber vor.

Wie die gute alte Realität und ihr Subjekt aussehen, nachdem sie von dieser Optik abgelöst worden sind, das zeigt Paul Chan. Es ist ein eigenartiger, umgekehrter Platonismus, der hier vollzogen wird. Es sind nicht, wie bei Platon die Urbilder der Dinge, wie sie den Dingen in ihrer Reinheit vorangehen, und auf der Höhlenwand als Schatten erkennbar werden, sondern die Nachbilder der Dinge und des Subjekts selbst, die hier kontemplativ stürzen und nachklingen. Die Bedingungen der Erfahrung von Dinglichkeit und Subjektivität liegen hier gewissermassen hinter uns und zeigen sich nur noch in der Form eines Nachbildes, das projiziert wird. So versetzt Chan uns in einen ruhigen Welt-Untergang der Moderne, in dem die Erinnerungs-Schatten der Subjekte und Objekte stürzen. Aber es gibt dabei kein Ende, keine Zäsur. Auch das Ende wird hier in ein permanentes, zyklisches Ent-Schöpfen aufgelöst. Diese Apokalypse, der Untergang der Welt der Objekt-Realität und des Subjekts, vollzieht sich hier als ein unaufgeregter, kontemplativer Alltagsvorgang, an dem ich wie zufällig beteiligt bin. Chan inszeniert die Bedingungen digitalmodernen Lebens als möglichen Ort des Abendmahls.

Baker, George: Paul Chan: The Image from Outside, in: Paul Chan. The 7 Lights, Berlin 2007
Paul Chan: The 7 Lights, Berlin 2007
Paul Chan: Selected Works, Basel 2014, Kapitel «Selected Source Files»
Paul Chans Verlag: badlandsunlimited.com

Der Zyklus 7 Lights war zuletzt vollständig im Schaulager Basel 2014 ausgestellt.

Bild:
Pressematerialien Schaulager, http://www.schaulager.org
Abendmahl Leonardo da Vinci: de.wikipedia.org