hölle: wenn ich mich selbst anrufe, ist immer besetzt.

Für den Philosophen Jean Baudrillard war das ganze Medienspektakel eine «Hölle». Eine «Hölle des Gleichen», wo ich in eine Verwechslung mit mir selbst eingesponnen bin und mir selbst nicht mehr entkomme. So gesehen, ist das Digitale aber gar nicht ein Medium der Manipulation in eine bestimmte Richtung. Es ist gerade nicht der Big Brother, der eine kollektive Gehirnwäsche unternimmt. Im Gegenteil: das Digitale erlaubt mir, immer schön mit mir selbst gleich zu bleiben. Dieser Selbstbezug und nicht die Veränderung ist Hölle.

Im Christentum oder bei Dante ist die Hölle auch ursprünglich gar nicht der Ort des Bösen. Die Hölle ist vielmehr ein Ort nach dem Leben, an dem das Böse bewusst wird. In der Hölle leidet man daran, dass man sich zu dem Zeitpunkt, als man noch anders hätte entscheiden konnte was man selbst ist, es wider besseren Wissens nicht getan hat. Und dann erlebt man sich zähneknirschend an seine eigene dumme Existenz gekettet und dreht sich nur noch um sich selbst. Letztlich war die Hölle aber eigentlich als eine Möglichkeit der Befreiung gedacht. Sie befreit, sofern ich an die Stelle der Entscheidungen, die mich nur an mich selbst binden, Verbindungen zu einem Anderen setzen kann.

So gesehen, sollte man doch eigentlich hoffen, dass das Digitale eine «Hölle des Gleichen» überhaupt erst wird. Es ist vielmehr die Aufgabe, uns gegenseitig eine «Hölle des Gleichen» zu sein. Warum? Damit wir uns auch dort gegenseitig davon befreien, uns endlos selbst immer wiederholen zu müssen. Wie? Indem wir uns gegenseitig Andersheit zumuten. Indem ich jeden Tag eine neue Form finde, für Fremdes offen zu sein. Oder indem es gelingt, ein bekanntes Gesicht als ein völlig überraschendes Anderes zu sehen. – Es ist wie beim telefonieren: Wenn ich mich selbst anrufe, ist ewig besetzt. Nur wenn ich das Andere wähle, gibt es eine freie Verbindung.

Literatur: Jean Baudrillard, Transparenz des Bösen. Ein Essay über extreme Phänomene, Berlin 1992

Bild: Basel, Herbstmesse, Oktober 2015

 

 

 

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(aus: Zeit Magazin)