gastfreundschaft: erzählung als ursprung von gesellschaft

In dem Moment, da das Andere als Antlitz erscheint, ist es bereit zur Ansprache. Wenn ein Antlitz zur Ansprache bereit ist, wird aus dem Sehen Blick. Ein Blick ist das Offene, das man nicht anschaut, sondern empfängt. Er ist ein Offenes, in das man hört: ein Blick sagt mehr als tausend Worte.
Der Raum der unmittelbaren Ansprache ist der Raum der Freundschaft. Freundschaft setzt Fremdheit voraus. Erst aus Fremdheit kann Freundschaft werden. Wenn man schon immer eins ist und sich nie fremd war, kann man intime Gemeinschaften bilden, sich aber nicht Freund sein. Freundschaft ist ein bedingungsloses «Ja» zur Andersheit des Anderen, das erst nach der Geburt des Blicks möglich ist. Ein Freund ist nicht das glatte Ebenbild meiner selbst, nicht das externalisierte Alter Ego, in dem ich mich selbst spiegele, sondern der Blick eines Anderen auf mich, der mich herausfordert. Er fordert mich heraus, aus meiner Maske der Intimität, über den Glanz der Oberfläche hinaus. Er fordert mich aus mir heraus und bittet mich in sich hinein. Er lädt mich ein, zu sich, in sein Haus. Der wahre Freund ist ein Gastfreund, der mich herausfordert und hereinbittet. [weiter]

Hans im Glück – Digitalmoderne Identität

Das Modell heutiger Identitätsbildung ist das Nach-Hause-Gehen. Das Glück wird da gesucht, wo ich – befreit vom Ballast des Fremden – Erlebnisse haben kann ohne verändert zu werden, wo ich bei mir bin, ohne noch fragen zu müssen, wer ich bin und wo Irritationen, die diese Frage evozieren könnten, umgangen werden können.

Es ist eine Hans-im-Glück-Identität.

In dem Märchen aus tauscht Hans seinen Lohn für sieben Jahre Arbeit in der Fremde – fern von dem Heim und der Mutter – ein kopfgrosses Stück Gold auf dem Weg nach Hause gegen ein Pferd, weil es ihm zu schwer zu tragen wird. Bald darauf tauscht er das Pferd gegen eine Kuh, weil diese ja Milch geben kann, die Kuh gegen ein Schwein, das Schwein gegen eine Gans und schliesslich die Gans gegen einen schäbigen Schleifstein. Er sieht sich im Glück: «alles was ich wünsche, trifft mir ein, wie einem Sonntagskind.» weiter: Hans im Glück – Digitalmoderne Identität

Quodlibet. Das Beliebige – Ton einer kommenden Sozialität

Das Beliebige, das Quodlibet – das ist das, was beliebt. Es ist eine Weise zu lieben:

Ursprünglich war das Quodlibet eine akademische Disziplin. Im 14. Jahrhundert war die «Disputatio de quodlibet» an der Universität von Paris jener Teil der wissenschaftlichen Verständigung, der der streng regulierten Disputation einer Thesis folgte. Auch das Quodlibet war reguliert, aber hier wurde Intellektualität festlich zelebriert, bunt, vielstimmig, mit wenig Hierarchie, feierlich, aus Liebe zur Sache, eben: wie es beliebt…

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digitaler weltuntergang – kontemplativ

Der Künstler und Verleger Paul Chan inszeniert in seinem siebenteiligen Werkzyklus «7 Lights» in Anknüpfung an die sieben Tage der Schöpfung eine Umkehrung der Schöpfung. In der Installation «3rd Light» beispielsweise, sind der Boden und ein grosser Tisch eine Projektionsfläche, auf der Schattenbilder von Gegenständen, Geräten, Tieren und Menschen in kontemplativer Ruhe durch den Raum stürzen. In den 14 Minuten jedes Loops wird ein Tag und eine Nacht durch eine Sequenz von Farb- und Helligkeitsverläufen durchlaufen. Es ist die Dingwelt selbst – Stühle, Brillen, iPods, ein abgegessener Apfel – die dem Betrachter aus dem Projektor als Schatten entgegen fällt. Auch Menschen fallen. Doch diese stürzen in umgekehrte Richtung, in den Projektor hinein. Es ist die Welt, wie sie ist, wenn Subjekt und Objekt sich selbst digital konstituieren, es ist die Welt, die den Ausgangspunkt einer Digitalmoderne anzeigen könnte…. weiterlesen digitaler weltuntergang, kontemplativ