Zur Idee einer Digitalmoderne

Beitrag zum Laboratorium “Digital&PostDigital” mit Stefan Brotbeck am Philosophicum im Ackermannshof, Basel. 1. 12. 2018

Der Künstler und Verleger Paul Chan inszeniert in seinem siebenteiligen Werkzyklus «7 Lights» in Anknüpfung an die sieben Tage der Schöpfung eine Art Umkehrung der Schöpfung. In «3rd Light» sind der Boden und ein grosser Tisch eine Projektionsfläche, auf der Schattenbilder von Gegenständen, Geräten, Tieren und Menschen in kontemplativer Ruhe durch den Raum fallen. In den 14 Minuten jedes Loops wird ein Tag und eine Nacht durch eine Sequenz von Farb- und Helligkeitsverläufen durchlaufen. Es ist die Dingwelt selbst – Stühle, Brillen, iPods, ein abgegessener Apfel – die dem Betrachter aus dem Projektor als Schatten entgegen fällt. Auch Menschen fallen. Doch diese stürzen in umgekehrte Richtung, in den Projektor hinein. Und manchmal ziehen die Schattenrisse eines Vogelschwarms quer durch den Raum [weiter]

Bildung des vierten Orts // Bildung Post-Digital

Beitrag zum Kolloquium «Ideenwerkstatt Zukunftsfragen e.V.»,
Freiburg 15.2.2019

Im Folgenden imaginiere ich einen «vierten Ort» der Bildung; dieser «vierte Ort» ist meine Metapher für eine Bildungsinstitution der Zukunft. In lockerer Anlehnung an Ray Oldenburgs Konzept eines «dritten Ortes» stellt er sich als «vierter Ort» ergänzend neben den (ersten) privaten Ort der Intimität und der persönlichen Interessen, den (zweiten) öffentlichen Ort unserer professionellen Arbeit in etablierten Bildungseinrichtungen – wie Schule und Universität – und den (dritten) Ort der mehr oder weniger informellen Treffpunkte, wie Cafés oder Dorfbrunnen oder Museen, wo Austausch mit Freunden, Bekannten und Fremden stattfindet. Meinen «vierten Ort» will ich neben die drei Orte stellen, da ich deren Funktion und Aufgabe schätze und weil ich denke, dass der vierte Raum auf ihnen beruht. Mehr noch, dass er nur entstehen kann, wenn ich gleichzeitig auch an den anderen drei Orten teilhabe: Er ergibt sich mir aus einer Spannung des Lebens in diesen drei Räumen und dem Mangel, der hervortritt, wenn ich dies tue. [weiter]

Hans im Glück – Digitalmoderne Identität

Das Modell heutiger Identitätsbildung ist das Nach-Hause-Gehen. Das Glück wird da gesucht, wo ich – befreit vom Ballast des Fremden – Erlebnisse haben kann ohne verändert zu werden, wo ich bei mir bin, ohne noch fragen zu müssen, wer ich bin und wo Irritationen, die diese Frage evozieren könnten, umgangen werden können.

Es ist eine Hans-im-Glück-Identität.

In dem Märchen aus tauscht Hans seinen Lohn für sieben Jahre Arbeit in der Fremde – fern von dem Heim und der Mutter – ein kopfgrosses Stück Gold auf dem Weg nach Hause gegen ein Pferd, weil es ihm zu schwer zu tragen wird. Bald darauf tauscht er das Pferd gegen eine Kuh, weil diese ja Milch geben kann, die Kuh gegen ein Schwein, das Schwein gegen eine Gans und schliesslich die Gans gegen einen schäbigen Schleifstein. Er sieht sich im Glück: «alles was ich wünsche, trifft mir ein, wie einem Sonntagskind.» weiter: Hans im Glück – Digitalmoderne Identität

gastfreundschaft: erzählung als ursprung von gesellschaft

In dem Moment, da das Andere als Antlitz erscheint, ist es bereit zur Ansprache. Wenn ein Antlitz zur Ansprache bereit ist, wird aus dem Sehen Blick. Ein Blick ist das Offene, das man nicht anschaut, sondern empfängt. Er ist ein Offenes, in das man hört: ein Blick sagt mehr als tausend Worte.
Der Raum der unmittelbaren Ansprache ist der Raum der Freundschaft. Freundschaft setzt Fremdheit voraus. Erst aus Fremdheit kann Freundschaft werden. Wenn man schon immer eins ist und sich nie fremd war, kann man intime Gemeinschaften bilden, sich aber nicht Freund sein. Freundschaft ist ein bedingungsloses «Ja» zur Andersheit des Anderen, das erst nach der Geburt des Blicks möglich ist. Ein Freund ist nicht das glatte Ebenbild meiner selbst, nicht das externalisierte Alter Ego, in dem ich mich selbst spiegele, sondern der Blick eines Anderen auf mich, der mich herausfordert. Er fordert mich heraus, aus meiner Maske der Intimität, über den Glanz der Oberfläche hinaus. Er fordert mich aus mir heraus und bittet mich in sich hinein. Er lädt mich ein, zu sich, in sein Haus. Der wahre Freund ist ein Gastfreund, der mich herausfordert und hereinbittet. [weiter]

Quodlibet. Das Beliebige – Ton einer kommenden Sozialität

Das Beliebige, das Quodlibet – das ist das, was beliebt. Es ist eine Weise zu lieben:

Ursprünglich war das Quodlibet eine akademische Disziplin. Im 14. Jahrhundert war die «Disputatio de quodlibet» an der Universität von Paris jener Teil der wissenschaftlichen Verständigung, der der streng regulierten Disputation einer Thesis folgte. Auch das Quodlibet war reguliert, aber hier wurde Intellektualität festlich zelebriert, bunt, vielstimmig, mit wenig Hierarchie, feierlich, aus Liebe zur Sache, eben: wie es beliebt…

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